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Bühnenbild - Konzept

von Julian Marbach

Bühnenbild - Konzept

Was ist für Dich POSTWEST und inwiefern finden sich diese Gedanken in Deinem Bühnenbild wieder (im Gesamtbild, in einzelnen Elementen, in der Materialauswahl etc.)?

POSTWEST – Begrifflichkeit für die heutige politisch-gesellschaftliche Situation – aus europäischer Sicht. Die Post-Ost-West Epoche – Zeit nach der Auflösung der klaren Ost-West-Zuordnungen. Mögliche Verschmelzung, Transformation zu einem europäischen (Kultur)Raum.

POSTWEST – Rahmen für eine Auseinandersetzung mit und in der Post-Ost-West Zeit. Austausch über Landesgrenzen hinweg. Neue Sichtweisen von und auf Ost und West – was und wo sind Osten und Westen?

BÜHNENBILD – Europa ist als Kultur- und Lebensraum eine diffizile Struktur in steter Verwandlung. Eine komplexe Idee, an der auf vielen Ebenen immer weiter gearbeitet werden muss - politisch, gesellschaftlich, technisch. Ein vielschichtiger Organismus, der so stark und mächtig ist, wie grazil und zerbrechlich.

Eine alles zusammenhaltende Fiktion bildet die Basis – das europäische Gedankengerüst – umgeben von einer sich immer wieder verändernden Oberfläche. Glücklich machender Zufluchtsort und nicht erreichbare Festung - einerseits offen für alles und andererseits geschlossen für jeden.

Ein skulpturales, symbolhaftes Objekt - eine aus der Tiefe kommende, in die Höhe strebende Wand. Gleichermaßen erdverbunden wie himmelsstürmend - zugleich filigran als auch raumfüllend.

Eine Gerüststruktur - Ort der Arbeit - Baustelle Europa - Lebensraum - Bauwerk.

Die Konstruktion im Zentrum wird ergänzt durch diverse Module - an das Gerüst andockend und wieder verschwindend.
Eine Struktur, die immer in Veränderung ist.

Welche Einfluss hatte der Austausch mit den Regisseur*innen im Rahmen der drei Workshops in Berlin auf deine Gedanken dazu?

Offenlegung des Vorhandenseins sehr verschiedener und teilweise stark voneinander abweichender (osteuropäischer) Sichtweisen auf Ost + West – als Terminus, als gedankliche und reale Kategorie, als Selbstbezeichnung und Zuordnung anderer.

Stärkung des Bewusstseins für die unterschiedlichen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen in den osteuropäischen Ländern. Bezogen primär auf das letzte Jahrhundert und dann noch einmal speziell auf die Zeit ab Mitte der 1980er Jahre bzw. ab 1989.

Generell neue Perspektiven und Erkenntnisse – und die positive Überraschung, länderübergreifend an solch einem Projekt zu arbeiten – trotz teils vollkommen gegensätzlicher Erfahrungen in der Ost-West-Epoche, vor allem im Hinblick auf die Beziehungen zur ehemaligen Sowjetunion.

Die Aufgabe bestand darin, ein gemeinsames Bühnenbild für 6 verschiedene Inszenierungen zu entwickeln. Worauf musste dabei besonderes geachtet werden? Was waren eventuelle Schwierigkeiten etc.?

Es musste ein Raum gefunden werden, der nicht nur funktioniert für 6 unterschiedliche, internationale Teams und ihren Produktionen, von denen inhaltlich zu Beginn der Arbeit am Bühnenbild nicht viel bekannt war – sondern der möglichst auch einen Bezug hat zu dem gemeinsamen Thema POSTWEST.

Verbindung einer thematischen Auseinandersetzung und Bildfindung mit den logistischen und künstlerischen Anforderungen jeder einzelnen Produktion – zusammengefasst in einem übergeordneten Konzept.

Dein Bühnenbild bietet verschiedene Situationen im Raum - wie hast du diese gefunden?

Um eine größtmögliche Variabilität zu ermöglichen – sowohl während der jeweiligen Inszenierung, als auch untereinander, also im Vergleich zwischen den Produktionen – ist die Basis des Bühnenbildentwurfs eine offene Struktur, die eine Vielzahl an Spielkonstellationen, Orten, Räumen ermöglicht. Die einzelnen Bühnenelemente – die große, den Raum bestimmende Gerüstwand, die verschiedenen Projektionsflächen, die einzelnen Module – sind einzeln, alle zusammen, überhaupt nicht … einsetzbar.

Unterscheidet sich diese Arbeit im Rahmen einer internationalen Kooperation bzw. eines Festivals von Deinen “klassischen” Theaterarbeiten? Wenn ja, in wie fern?

Bis auf die Festival Thematik, auf die sich die verschiedenen Inszenierungen beziehen werden, sowie die ungefähre Anzahl beteiligter Theater bzw. KünstlerInnen, war anfangs wenig bekannt – ein großer Kontrast zu den „normaleren“ Abläufen mit klaren Angaben zu Regieteam, Spielort und vor allem Stücktitel bzw. Text. Außerdem keinerlei gedankliche und praktische Beteiligung am Probenprozess.

Geringerer Austausch mit den RegisseurenInnen und den Teams als sonst üblich bzw. möglich – über inhaltlich inszenatorische sowie optische Vorstellungen – aufgrund der organisatorisch-terminlichen Zwängen sowie der räumlichen Distanz. Die daraus erwachsende Verantwortung, in eine relative Ungewissheit hinein etwas zu entwerfen, mit dem trotzdem alle gut umgehen können. Bedeutete im Umkehrschluss für meine Arbeit aber natürlich auch – größere Freiheit. Ohne dass es also konkrete, auf bestimmte Texte oder Szenen bezogene, Situationen in dem Entwurf gibt, bestehen unzählige Optionen sowie großer Handlungsspielraum für alle Beteiligten während der Entwicklungsprozesse ihrer Inszenierungen.

 

Julian Marbach
Stuttgart, Juni 2020

Alle Bilder von Julian Marbach, mit Ausnahme von:
Bild 1 - Igor Starkov, pexels.com
Bilder 7-8 - Alina Aleshchenko, Volksbühne Berlin
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