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Ein Besuch in der Goldenen Aue

von Florian Hein
Literatur

Ich habe heute einen Ausflug in die Goldene Aue gemacht. Die Goldene Aue ist ein langgezogenes Tal im Osten Deutschlands, in der ehemaligen DDR. Es erstreckt sich von Nordhausen bis Sangerhausen und wird an den Seiten von kleinen Bergketten begrenzt. In der Mitte des Tals liegt ein Stausee, an guten Tagen spiegelt sich der Himmel in ihm. Die höhere Seite des Hügelgebirges nennt man den Kyffhäuser. Ein steinerner Turm erinnert an die Sage der Goldenen Aue: Es heißt, im Kyffhäuser, in einer Höhle, säße noch immer König Barbarossa, ein vertriebener und vergessener deutscher Kaiser. Sein Bart wuchs über die Jahrhunderte in die Steine hinein. Doch wenn er erwacht, stürmt er hinaus und schlägt die letzte Schlacht zwischen Gut und Böse. Und dann wird Deutschland wieder strahlen, in seiner alten Größe und Macht.

Dieser Mythos funktioniert für die politische Rechte als Heldengeschichte, als Hoffnung auf die Erlösung. Tatsächlich bin ich heute hierher gefahren, um mich mit dieser Hoffnung zu beschäftigen. Um nach Spuren zu suchen, um eine der Höhlen in den Bergen zu besuchen. Deswegen steige ich unterhalb des Kyffhäuserdenkmals aus dem Zug. An der Station Berga-Kelbra. Das Foto zeigt das Bahnhofsgebäude.

Wir sehen die ehemalige Eingangstür zum Bahnhofsgebäude. Auf den Platten, die es verstellen, hat jemand geschrieben: „Berga bleibt [unleserliches Wort] braun“. Im politischen Farbenspiel Deutschlands steht braun noch immer für nationalistische Parteien. Ganz konkret leitet sich die Farbe von den Braunhemden der nationalsozialistischen SA her, so habe ich es in der Schule gelernt.

Ich bin in die Goldene Aue gefahren, und was ich sehe sind vor allem Zeichen, die auf Vergangenes hindeuten. Das Bahnhofsgebäude ist leer und verlassen, seine verriegelten Türen sind mit politischen Parolen aus dem 20. Jahrhundert gezeichnet und die eigentliche Hauptattraktion dieses Ortes ist ein Steinturm zu Ehren eines nationalistischen Helden.

Niemand kommt, um den Take wegzumachen. Denn das Gebäude gehört ja niemandem, nicht mal einem Konzern. Es ist einfach da. Und bleibt da. So lange, bis es sich wieder lohnen wird, ökonomisch gesehen, etwas mit ihm zu machen. Aber wann wird das sein?

Was ist die Zukunft dieser Landschaft? In der DDR fuhren die Arbeiter·innen mit den Zügen zu den Fabriken und den landwirtschaftlichen Betrieben in der Nähe. Aber natürlich sind diese im Zuge der Wiedervereinigung reduziert worden. Die Arbeitslosigkeit stieg und stieg, die Bevölkerung wurde älter.

Es überrascht mich nicht, dass hier rechte Parolen an den Häusern stehen. Als ich um das Gebäude herumgehe, finde ich übrigens auch welche der Antifa. Ich möchte nicht sagen, dass alle Bewohner der Goldenen Aue Faschist·innen wären. Nein. Was mich aber ärgert, ist, dass diese Parole hier stehen bleibt. An der Eingangstür. Und was mich noch mehr ärgert, ist, dass der Bahnhof als Knotenpunkt einer Gemeinde, als Transitort, verwahrlost. Es zog sich der Sozialismus zurück und dann die Konzerne. Und was bleibt sind die Menschen und die Reste einer Architektur, die keine Funktion mehr erfüllt. Und irgendwie beeinflussen die einen das andere.

Dann packe ich meinen Ärger in meinen Rucksack und fahre zurück in die Hauptstadt. Und kann wieder vergessen. Was mich tatsächlich geärgert hat: dass die Goldene Aue ist wie sie ist, und dass ich nichts daran ändere.

 

Florian Hein ist als Regisseur, Chorleiter und Autor tätig. Von 2012-2017 studierte er an der HfS „Ernst Busch“ Schauspielregie. Inszenierungen entstanden u.a. am bat-Studiotheater Berlin, dem WUK Theater Quartier Halle, dem Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, dem Schauspiel Hannover und 2020 mit dem Film »Hammer&Spiegel(Mirror). Aus dem Theater ein Film.« erstmalig an der Volksbühne Berlin. Ein Schwerpunkt seines inszenatorischen Ausdrucks liegt auf der Arbeit mit Sprechchören, die an der Schnittstelle zwischen sprechen und singen operierern. Für sein Stück »Nichts tun – Florian Hein. Es gehr nur um mich« gründete er 2016 einen Berliner Sprechchor, 2019 rief er am WUK Theater Quartier Halle den Chor des Ostens ins Leben und gründete im Frühjahr 2020 am Schauspiel Hannover den Konsensklub. Darüber hinaus ist Florian Hein auch als Dramaturg und Performer tätig. Er nimmt am Festival POSTWEST \\ guess where mit seinem Film Hammer&Spiegel(Mirror). Aus dem Theater ein Film. teil.

Das Verborgene aufspüren – Politik im Alltag begegnen
Ein Forum für den literarischen Blick auf akute gesellschaftliche Themen: LCB diplomatique - das alternative Nachrichtenportal des Literarischen Colloquiums Berlin ist eine 2019 gegründete Plattform, auf der Autor*innen über die politischen Dimensionen ihres Alltags berichten. Jeden Montag erscheint ein Beitrag mit Bild und Text – in Originalsprache sowie in deutscher und englischer Übersetzung. Bisher haben bereits 35 Autor*innen mit ihren Beiträgen aus unterschiedlichsten Ländern berichtet.

Im Rahmen von POSTWEST \\ guess where positionieren sich die für das Festival eingeladenen Künstler Jeton Neziraj (15. Juni, Kosovo) und Florian Hein (22. Juni, Deutschland) zu gesellschaftlichen Zuständen ihrer Länder. Neben der Veröffentlichung auf LCB diplomatique werden die Beiträge auf der POSTWEST Website veröffentlicht.

Eine Kooperation zwischen LCB diplomatique das alternative Nachrichtenportal des Literarischen Colloquiums Berlin und der Volksbühne Berlin